Was ist ein Trauma?

Traumastörungen können sich nach Ereignissen entwickeln, die mit Lebensbedrohung, Gewalt und Missbrauch verbunden sind. Auslöser können aber auch Situationen sein, die nach außen hin nicht so gewalttätig erscheinen, für die betreffende Person, aber mit „Gefühlen von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe einhergehen und so eine dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis bewirken“ wie es in einer Definition zweier bekannter Traumaforscher heißt. Traumaereignisse können menschengemacht sein oder eine natürliche Ursache haben, wie z.B. ein Erdbeben. Etwa 40 % der Personen, die ein solches Ereignis erleben, entwickeln eine Traumastörung. Bei einem Teil bildet sich auch diese wieder zurück, bei den anderen bleibt diese bestehen, z.T. auch über Jahrzehnte. Mit dem Modell der Adaptiven Informationsverarbeitung von Francine Shapiro lässt sich meines Erachtens eine Traumatisierung gut erklären. Normalerweise gibt es einen Mechanismus in uns, mit dem belastende Erinnerungen verarbeitet werden. Auf der Ebene des Gehirns kann man davon sprechen, dass ein neuronales Belastungsnetzwerk mit Netzwerken verbunden wird, die frühere positive und Bewältigungserfahrungen repräsentieren. Bei einer Traumatisierung ist dieser Mechanismus gestört, weil die Situation emotional zu überfordernd war. Es bildet sich ein Traumastate (ein isoliertes neuronales Belastungsnetzwerk) heraus, der nicht mit dem Alltagstate verbunden ist und auf bestimmte Auslöser (Trigger) aktiviert werden kann. Die Person erlebt dann Erinnerungen an die traumatischen Situation und damit verbundene Gefühle als ob diese noch andauert oder gerade erst passiert ist. Die Erinnerungen sind oft auch mit Wahrnehmungs- und Denkverzerrungen verbunden, z.B. kann sich jemand schuldig an einem Ereignis fühlen, obwohl das objektiv ganz und gar nicht der Fall ist.


Traumastörungen

Die häufigste Traumastörung ist die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). Sie ist gekennzeichnet durch Intrusionen (Bilder u./o. andere Sinnesempfindungen aus der traumatischen Situation werden ungewollt und unkontrolliert wiedererlebt), Hyperarousal (ständige Nervosität und Hab-Acht-Stellung), Numbing (emotionale Erstarrung als Reaktion auf das Hyperarousal und Intrusionen) und Vermeidung von Situationen und Reizen, die an das Trauma erinnern. Ab vier Wochen nach einem Ereignis ist eine PTBS diagnostizierbar. Von einer komplexen PTBS spricht man, wenn es mehrere zeitlich auseinanderliegende Traumaereignisse oder eine lange andauernde Traumatisierung mit wiederholten Zuspitzungen gab. Eine Traumatisierung ist oft mit Gefühlen von Ohnmacht, Hilflosigkeit und Verzweif­lung verbunden. Aus einer PTBS oder parallel zu ihr können sich Angststörungen, Schmerzerkrankungen, Abhängigkeitserkrankungen und Persönlichkeitsstörun­gen entwickeln. Bei der Dissoziation werden integrative Funktionen des Gehirns wie z.B. Gedächtnis oder Bewusstsein beeinträchtigt, z.B. erinnert man sich nicht mehr an zurückliegende Stunden oder Tage. Dissoziation geht oft auf eine Traumatisierung zurück. Sie dient dem Schutz vor länger andauernden traumatischen Situationen bzw. später vor der Überflutung mit Traumaerinnerungen. Dieser Schutzmechanismus kann sich dann generalisieren und genutzt werden, um auch andere Belastungen zu ertragen.

 

Traumatherapie

In einer Psychotherapie können Patienten es als sehr entlastend empfinden, zum ersten Mal über Hemmungen oder Verhaltensprobleme zu sprechen. Das Problem bei einer schweren Traumatisierung ist, dass es dem Patienten nach einer solchen Stunde schlechter gehen kann wie zuvor, er also in einen Traumastate hineingekommen ist und die beteiligten Gefühle mit voller Wucht wiedererlebt. Deshalb wurden besondere Methoden entwickelt, einen Traumastate langsam und schonend zu bearbeiten. Die Phasen einer Traumatherapie sind Stabilisierung, Kon­frontation und Integration. Stabilisierung meint, dass positive Erfahrungen und Bewältigungskompetenzen, die man früher im Leben oder in andern Lebensbereichen gemacht hat, bewusst gemacht und verstärkt werden. Konfrontation heißt, dass man sich noch einmal mit den Traumaereignis und mit den von ihm ausgelösten Reaktionen beschäftigt, aber jetzt mit zeitlichem Abstand und in dem sicheren Rahmen der Therapie. Meines Erachtens ist die beste Methode dafür das EMDR (Info). Eine Alternative ist die sogenannte Bildschirmtechnik, in der sich Patient und Therapeut das frühere Geschehen auf einem imaginierten Bildschirm anschauen, wobei der Patient den „Film“ kontrollieren und verändern kann. Eine weitere Methode, die besonders geeignet ist für lange zurückliegende Traumatisierungen in der Kindheit ist die Egostate-Therapie, in der imaginativ mit verschiedenen Persönlichkeitsanteilen gearbeitet wird, häufig mit den Bildern des „verletzten inneren Kindes“ und des „unverletzten inneren Kindes“, dem es gut ging. In der Integrationsphase geht es schließlich darum zu bearbeiten, wie das Trauma mein Leben beeinflusst hat, und das gegebenenfalls zu korrigieren. Hier werden auch die auf der Traumatisierung beruhenden unbegründeten Schuld- und Versagensgefühle besprochen.

Die Traumatherapie wurde ursprünglich entwickelt für Traumatisierungen, die im Erwachsenenalter erfolgt sind. Es hat sich aber gezeigt, dass sie auch hilfreich ist bei Traumatisierungen in Kindheit und Jugend, die stark in die Persönlichkeitsentwicklung eingeflossen sind. In der Tiefenpsychologie bzw. der psychodynamischen Therapie suchen wir nach den Hintergründen einer psychischen Störung, um sie nachhaltig auflösen zu können. Meist handelt es sich um einen mehr oder weniger unbewussten inneren Konflikt und/oder ein Defizit in der Persönlichkeitsentwicklung, die auch auf ein traumatisches Erlebnis zurückgehen können. Die Traumatherapie ist als dritte Säule hilfreich, wenn Belastungsereignisse aus der Kindheit heute noch sehr starke negative Gefühlsreaktionen auslösen. Wenn diese durch einen Trigger bzw. einen Ähnlichkeitsfaktor in einer aktuellen Situation aktiviert werden, die eigentlich nicht bedrohlich ist.